Wer regiert die Welt? – Kritik der Elitenkritik

Wer hat eigentlich die Macht? Wer regiert die Welt? Eine Vielzahl von Lobbygruppen bemühen sich um Einfluss auf die Politik. Das ist sicher kein Geheimnis. Wir finden das auf Gemeindeebene genauso wie in der Bundes-, Europa- und Weltpolitik. Manche Verbände stehen im Verdacht, besonders einflussreich zu sein: Automobilindustrie, Finanzwirtschaft, Pharma- und Waffenlobby. An den Stammtischen, in Boulevardblättern und Facebook-Timelines wird man schnell auf klugmeinende Beiträge treffen, die das Marionettenhafte der politischen Führung anprangern. Spricht man mit Interessengruppen auf lokaler Ebene oder ließt ein Interview vom Chef des Verbands der Automobilindustrie in der ADAC-Zeitschrift, dann stapeln sich hingegen Argumente, die Politik bremse noch viel zu sehr durch viel zu komplizierte angeblich überholte Gesetze und welch großen Anstieg das Gemeinwohl erlebe, würden die Forderungen des Verbandes Realität. Das kann man nach Gusto bewerten: Glauben Verbandsvertreter selbst was sie sagen? Haben sie eine berufsbedingte Verzerrung der Realität oder sind sie einfach nur frech und gerissen? Wer meint, darauf eine eindeutige Antwort zu kennen, ist nicht etwa besonders schlau, sondern unfassbar naiv, was den individuellen Erkenntnisprozess und intersubjektive Einschätzungen betrifft. Allzu voreilig wird das Etikett „Heuchler“ verliehen. Aber ist nicht bereits jede Lageeinschätzung interessengeleitet? Heuchelei – wenn man denn überhaupt so ein scharfes Urteil fällen möchte – gibt es mindestens ebenso häufig am Stammtisch und in den Kommentarspalten sozialer Netzwerke wie in der großen und kleinen Politik: Man prangert das vermeintliche Vorziehen der Interessen anderer an, besteht aber gleichermaßen auf das endlich großzügigere Berücksichtigen der eigenen z.B. als Auto- oder Fahrradfahrer, Grundstückseigentümer, Mieter, Vermieter, Antragsteller von Sozialleistungen oder als Steuerzahler zuungunsten von Antragstellern von Sozialleistungen – wie es jeweils beliebt. Wer Interessenausgleich fordert, muss zuerst bei sich selbst anfangen, wenn er glaubwürdig sein will. Argumentation aus der Postion des vermeintlich zu kurz gekommenen ist der erste Schritt zum Krieg.

 

Wer regiert deine Welt? 

 

Wer regiert denn nun die Welt? Ist es eine „…kleine wurzellose internationale Clique, …die überall und nirgendwo zuhause ist…“?* Sind es die Lobbygruppen der Konzerne oder die Regierungschefs der G8-Staaten? Insider meinen zu wissen, die G8-Gipfel sind zum guten Teil genau damit beschäftigt, den längst global agierenden Lobbygruppen nicht allein das Feld zu überlassen und zumindest auch noch andere Interessen ins Spiel zu bringen. Eingefleischten Elitenkritikern wird das nur ein müdes Lächeln auf’s Gesicht zaubern. Was aber wäre die Alternative? Die Legitimation der Regierungen in Zweifel zu ziehen bzw. per se als unrechtmäßig zu etikettieren? Was ist konkret gemeint, wenn es heißt, Politiker seien endlich „in die Vollhaftung zu nehmen“? Es gibt wohl derzeit kaum etwas unpopuläreres, als Politiker in Schutz zu nehmen. Die Frage: „Wie würde ich als Bundeskanzlerin, Innenminister oder als Bürgermeister meiner Kleinstadt entscheiden?“ lohnt sich, bevor voreilig auf Elitenschelte geschalten wird.

Elitenskepsis ist nicht nur unter Rechtspopulisten populär. Auch linksintellektuelle Leisesprecher bedienen sich ihrer, um ein mentales Bad in der Menge des „gemeinen Volkes“ zu nehmen. Dabei bin ich mir gar nicht so sicher, ob unter „Elite“ dieselben Gruppen gesehen werden. Einig ist man sich wahrscheinlich noch, was Regierung und Medienschaffende betrifft. Schnittmengen gibt es noch bei Finanzkapitalisten mit regelmäßig wiederkehrenden Antisemitismus-Verdachtsfällen. Während Rechte regelmäßig konkrete Personen und Volksgruppen zu Feindbildern erklären, sind es für die Linken eher „das System“ und „die Transatlantiker“, welche erst im zweiten Anlauf durch für das Feindbild signifikante Vertreter personifiziert werden.

Ausgeschlossene Nihilisten und Fanatiker, Libertäre Selfmade Glücksfinder
Wie siehst du die Welt und was sagt das über dich?

Variationen der Neoliberalismus-Kritik

 

Die neoliberale Ideologie überhaupt erst einmal als solche zu bezeichnen und deren zweifelhafte Auswirkungen für den Planeten aufzuzeigen, muss nicht zwangsläufig querfrontal mit dem Finger der Schuldzuweisung auf „die Elite“ zeigend einher gehen. Es gibt viele Variationen, die wenig über die Adressaten und dafür vieles über den Urheber sagen: etwa als Appell an die Selbstverantwortung jedes einzelnen im Rahmen seiner Möglichkeiten, wie es der Club of Rome tut. Es geht buddhistisch mit Karlheinz Brodbeck. Es geht empirisch-wissenschaftlich mit Philip Mirowski, der sich bereits den Vorwurf linksideologischer Verschwörungstheorie gefallen lassen muss. Es geht auf die Weise eines Bernd Senf mit seiner Kritik am Finanzwesen – doch schon nicht mehr frei vom Antisemitismus-Vorwurf. Unter Edelmetallhändlern ist das Ankündigen des baldigen globalen Zusammenbruchs des Geldsystems sowieso weit verbreitet. Für meinen Geschmack unangenehm wird es, wenn eindeutige Feindbildformate wie George Soros, die Rothschilds, Bilderberger, Freimaurer oder der Illuminatenorden aus der Mottenkiste gekramt werden.

 

Wollen uns Eliten dumm und unglücklich halten?

 

Nicht wenige Mitbürger sind überzeugt, Politiker und Wirtschaft präferieren ein „dummes Volk“, da man ihm alles verkaufen kann, es nicht rebelliert. Deshalb bringe das Fernsehen auch so viele „Verdummungssendungen“ und gäbe es die Bildzeitung. Der populäre Hirnforscher Gerald Hüther wird gern damit zitiert, dass in unserem konsumfixierten Wirtschaftssystem glückliche und bewusste (achtsame) Menschen gar nicht gewollt seien. Hüther geht allerdings vom Trugschluss aus, Wirtschaftsbosse, Werber, Medienschaffende und Politiker würden strategisch denken. Das tun sie nämlich nicht. Politiker richten sich an Abstimmungsergebnissen aus (Wahlen, Wahlumfragen, Partei- und Gremienabstimmungen), Konzernlenker konzentrieren sich auf den Shareholder Value und Medienschaffende auf Quote und Seitenaufrufe. Ihr Berufsalltag lässt es gar nicht zu, eine solche Klarheit in Bezug auf ihr berufliches Wirken zu kultivieren – wobei ich einigen von ihnen diese Klarheit als Privatmenschen durchaus zutraue. In ihrer funktionalen Rolle sind sie gewissermaßen verblendet. Und jeder einzelne von uns geht dieser Verblendung mindestens ebenso sehr auf den Leim, sofern er konsumiert und danach fragt, wie er sein Einkommen weiter optimieren kann, um seine Konsumbedürfnisse künftig sichern zu können. Dazu gehört auch der Erwerb von Wohneigentum und Geldanlagen, die die Angst vor Altersarmut bekämpfen sollen und die Suche nach alternativen Fakten und Reportagen zur Bestätigung der eigenen Weltanschauung auf Youtube mit Filmen und Kommentaren. 

 

Verblendung, Gier und Zerstörung sind reversibel

 

Genau wie 99,9 % aller Menschen haben börsennotierte Pharma-, Mineralöl-, Energie- oder Waffenkonzerne keinen langfristigen Plan. Wenn Manager dem Sharholder Value aus den Augen verlieren, werden sie im Handumdrehen ausgetauscht. 99,9 % aller Menschen sind mit ihnen verbunden, weil sie entweder Aktien, Fondsprodukte, ein Bankdarlehen, ein Konto oder irgendeine Versicherung haben. Außerdem schluckt fast jeder einmal eine Tablette, tankt Benzin, lädt sein Smartphone mit Strom aus der Steckdose auf oder kauft ein Brötchen, das mit industriell gefertigten Rohstoffen gebacken wurde. Konzerne müssen quartalsweise gute Zahlen liefern. Produkte herzustellen, die sich gut verkaufen und Mitarbeiter einzustellen, die mehr bringen als sie kosten, sind nur Mittel zum Zweck. Dass Marketing Menschen manipuliert, ist zwar nicht falsch, jedoch sind die Mythen um den Einfluss der Werbung inklusive künstlich intelligenter Datenauswertung (Google, Facebook, Amazon) größer als die nüchterne Realität. Keine „…kleine wurzellose internationale Clique…“ hat Zeit oder Interesse, Menschen masterplanmäßig zu steuern. Hingegen ist jeder einzelne abhängig von eigenen unbewussten Reaktions- und Verhaltensmustern, auf die Verkaufsofferten abzielen. Marionettenfäden führen nicht nach oben, in ein Logenhaus, die faltigen Hände von George Soros oder an die Krallen von Reptiloiden, sondern an die Reaktionsknöpfe unseres eigenen Unbewusstseins.

Entrepreneurismus, Konsumismus, Schwarze Pädagogik
Wie ist der Mensch und wo sein Platz in der Gesellschaft?

Das Problem ist also weder eine skrupellose Elite, noch die angebliche Dummheit der Massen, sondern eine Neurose, die fast jeder Mensch hat: Das Urvertrauen in andere Menschen ist in der Kindheit enttäuscht worden. Um diese Enttäuschung nie wieder erleben zu müssen, haben wir einen Schutzmechanismus geschaffen: Man möchte sich lieber schlau fühlen, als Vertrauensvorschuss zu verteilen. Damit reproduzieren wir die Verblendung, die zu Angst und Gier führt. In einer Gier-geleiteten Wirtschaft ist „die Zukunft …verkauft, bevor sie stattgefunden hat. …Es ist als würde ein Meteor auf die Erde zurasen: Aber anstelle sich um Lösungen zu kümmern, sprechen wir darüber, ob es diesen Meteor wirklich gibt – und falls ja: Wer dafür zuständig ist, wer wie über den Meteor reden darf und wie diejenigen, die darüber reden dürfen, gewählt werden sollen.“** Dieser Meteor sind nicht die Flüchtlinge oder der Islam, sondern der durch Angst und Gier jedes einzelnen forcierte ökologische Kollaps, der zu Krieg, Flucht und Terrorismus führt. Wir können es jederzeit ändern. Jeder einzelne!

 

* so formuliert von Adolf Hitler

** Rede des Filmemachers Milo Rau in Wien

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