Kotzen über Political Correctness. Wenn Mimosen mit den Füßen stampfen.

Der Polizist Derek Chauvin drückt George Floyd acht Minuten lang mit dem Ellenbogen die Luft ab. Er stirbt. Sein Verbrechen? Er soll Zigaretten mit Falschgeld gekauft haben. Tausende Menschen protestieren. Der Präsident lässt die Nationalgarde auffahren. Wer verhält sich korrekt? 

 

Ich komme darauf zurück – nach dem zentralen Exkurs zur Political Correctness. Was ist das überhaupt?

 

Nicht das Politik das du denkst, du Bildungs-Schlafschaf!

 

Politische Korrektheit – was für ein Kampfbegriff. Befürworter wie Gegner werfen sich gegenseitig verbale Gewalt vor. Befürworter plädieren für eine Sprache, die versucht, niemanden zu beleidigen, zu diskriminieren oder auch nur zu benachteiligen. Die Gegner der Political Correctness hingegen beschweren sich wiederum, dass sie sich einer ständigen Beobachtung ausgesetzt fühlen. Manche fühlen sich geradezu bevormundet oder provoziert durch Stellenanzeigen mit „m/w/d“, durch Werbeplakate mit farbigen Menschen, Elektroautos oder Gemüse-Burger. Kritiker der Political Correctness übersetzen sie fälschlicherweise als „sich richtig (=konform) verhalten im Sinne des herrschenden politischen Mainstreams“. So ist und war es nie gemeint. Ihren Ursprung hat die PC-Bewegung an US-amerikanischen Hochschulen. Dort haben erstmals Minderheiten, also alle jüngeren, nichtweißen oder nichtmännlichen Personen, den Anspruch formuliert, zusätzlich zur bis dahin allein herrschenden Mainstream-Geschichtsschreibung auch ihre Variationen von Geschichte zu erzählen. Heute umfasst PC den verantwortungsvollen achtsamen Umgang mit der Sprache, wobei das Politische dabei das sich artikulieren im öffentlichen Raum einschließlich sozialer Netzwerke meint.

 

Die Geister, die sie riefen… wenn der Aluhut nach PC schreit

 

Political Correctness fordert, Minderheiten – wie nach Artikel 1 des Grundgesetztes jeden Menschen – würdevoll zu behandeln, also nicht zu diskriminieren, zu beleidigen und sich eben an die Fremdbezeichnung halten, die die Angehörigen der Gruppe für sich wünschen: Sinti, Roma, Farbige. So sollten bislang diskriminierte Minderheiten eine Stimme erhalten: kulturelle, religiöse, geschlechtlich Diverse. Wenn wir eine Gesellschaft befürworten, in der auch Minderheitenstandpunkte Anspruch auf Gehör finden dürfen, dann erheben eben auch Impfgegner, QAnon-Gläubige, Flatearther und Klimawandel-Leugner ihre Stimme im Konzert der Vielfalt. Sie fordern, dass auch ihre Narrative in den Prime-Time-Talkshows im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ihren Sendeplatz erhalten. Außenseiter drängen auf’s Spielfeld, vielleicht um sich so zu Helden einer Alternativszene zu inszenieren, vielleicht aber auch, weil sie sich wirklich diskriminiert fühlen. Früher gab es dafür den offenen Kanal im Fernsehen, vereinzelt Radioprojekte, heute müssen sie ihren eigenen YouTube-Kanal betreiben und ziehen bockig die Grenze zwischen: Da der Mainstream, hier die Alternativen. Und natürlich wollen sie ebensowenig wie Farbige als Neger bezeichnet als Aluhutträger oder gar Verschwörungstheoretiker beleidigt werden. Finde den Fehler!

 

 

Mimöschen degeneriert zur beleidigten Leberwurst

 

Natürlich ist es etwas seltsam, wenn Menschen, die sich an anderer Stelle lauthals über Political Correctness mockieren, eben diese bei passender Gelegenheit selbst für sich in Anspruch nehmen. Ein österreichischer Folkloreschlagerbarde mit 80er-Jahre-Dave-Gahan-Gedächtnisfrisur merkt an, er fühle sich als Hetero bei dem ganzen „Gender-Wahn“ inzwischen als Angehöriger einer diskriminierten Minderheit. Medien wie Tichys Einblick oder achgut.com bedienen sehr erfolgreich genau diese gar nicht so kleine Nische. Nahezu jeder Artikel auf diesen Plattformen ist aus der Haltung einer privilegierten Person geschrieben, die nicht damit klarkommt, in Zeiten wie unseren kein Monopol mehr auf Alleinpriviligierung zu haben. Und genau das macht den Unterschied zwischen berechtigten Ansprüchen von Minderheitenschutz und dem Selbstbehauptungsimpuls aus der Komfortzone. Der alte(rnative) weiße Mann – neuerdings spezifiziert als Cis-Mann – steht symptomatisch für diese taktisch-manipulative Opferhaltung, die nie ohne Seitenhiebe auf Schwächere auskommt, was ihre eigene Schwachheit entlarvt. Gar nicht so selten wird sie auch von älteren oder jüngeren weißen Frauen vertreten, die damit ihrer positiven wie negativen Resonanz sicher sein können, wie Erika Steinbach und Annabel Schunke anschaulich demonstrieren. Der unangefochtene deutschsprachige Marktführer dieser Provenience ist jedoch Henryk M. Broder, dem es mit einiger sprachlicher Brillanz gelingt, die Gefühle all jener zum Ausdruck zu bringen, deren Selbstverständnis, bei allen relevanten Themen im Besitz der herrschenden Mehrheitsdeutung zu sein, gehörig ins Wanken geraten ist. Ihm gelingt es, sich kultiviert über diejenigen lustig zu machen, die die Welt als eine dynamische, fließende und veränderliche mitgestalten wollen, anstatt sich an einen Status festzuklammern, einschließlich der Illusion, man hätte sich diesen durch überragende Leistung für das Gemeinwohl verdient und per Vollkasko-Dauerabo bis zum St. Nimmerleinstag reserviert. Solch eine Haltung ist zutiefst menschlich, aber eben auch erbärmlich. Sie taugt als Schmerztablette für all jene, die sich nicht mehr bewegen wollen, die ihre Gartenzwerge sonntags mit dem Staubwedel polieren und sich dabei oberschlau, raffiniert und überlegen fühlen wollen. Es hat einigen Unterhaltungswert, ist aber für die Herausforderungen der Gegenwart absolut hinderlich, ebensowenig wie ein dickes Kreuzfahrtschiff Natur und Artenvielfalt schützt und fördert. 

 

Ein halber Buchstabe macht den Unterschied

 

Halber Buchstabe, hä? In süddeutschen und österreichischen Gefilden wird das ß Scharfes S genannt. Daher erkläre ich den Shift vom ß zum s nur zu einem halben Buchstabenwechsel: Ein alter weiser Mann wurde einmal nach dem Sinn des Lebens gefragt. Seine Antwort: „Nun, ich habe gelernt, dass ich hier auf Erden bin, um anderen Menschen zu helfen. Was ich noch nicht herausgefunden habe, ist, warum die anderen Menschen hier sind.“ Mir wäre es sehr sympathisch, wenn sich Donald Trump, Henryk M. Broder, Andreas Gaballier und Annabel Schunke wenigstens eine dünne Scheibe von diesem Manne abschneiden würden. Dann wäre unsere Welt um mehrere Faustschläge lebenswerter. Und wenn ich mir bei aller Bescheidenheit in sonst nichts sicher bin, darauf würde ich mein unsichtbares Anus-Geweih samt beidseitigem Fleischuntersatz verwetten. 

 

Es waren eben keine alten weisen, sondern weiße Männer, jüngere wie ältere, die weltgeschichtlich für das meiste Leid auf unserem Planeten verantwortlich sind: Für die Plünderung von Bodenschätzen genauso wie für das gigantische Kidnapping von Millionen von Afrikanern, deren Nachfahren Anspruch auf Menschenwürde erheben, von Kriegen und Kolonialherrschaft ganz zu schweigen. 

 

In wenigen Jahren bin auch ich ein alter weißer Mann und halte es für meine gottverdammte Verantwortung, mein vielleicht irgendwann einmal schwindendes Privileg nicht in eine jämmerliche Opferhaltung münden zu lassen. 

 

Gott segne Donald Trump, dass er von der Bürde eines Amtes befreit wird, deren Größe er niemals hat ausfüllen können und bewahre er die Menschen vor dem Schlimmsten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieser Artikel enthält Auszüge aus dem im Mai erschienenen Buch Deutschland in der Krise.

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