Politik versagt zielsicher…

…wenn sie den Unterschied zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft missachtet.

Die Unterscheidung zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft geht auf den Soziologen Ferdinand Tönnies zurück. Während Menschen in der Gemeinschaft wesentlich miteinander verbunden sind, bleibt das Konzept Gesellschaft abstrakter. Eine Gemeinschaft, die den Kriterien Tönnies’ entspricht, ist vorstellbar für Gruppen bis zu einer Größe von einhundert Personen. Gemeinschaft ist die kleine Welt, in der wir uns auskennen. Gesellschaft ist die große Welt „da draußen“, wo uns unverständliche Dinge stattfinden wie Pandemieregeln, Steuergesetzgebung, Migration, EU und Zeit-Kolumnen. Gesellschaft ist unvermittelter, vergleichsweise kalt und mitunter fremd. Gemeinschaft ist warm, familiär, vertraut, sie erscheint uns natürlich und organisch. Doch Gemeinschaften sind mitnichten ausschließlich ein Hort heimeliger Harmonie. Gerade in Gemeinschaften gedeihen Hass, Dauerablehnung, Dauerbetrug und dauerhafte Bosheit.

 

In der Deutung der Spirale Dynamics wird das grüne Meme als das Meme der Gemeinschaftlichkeit bezeichnet. Grün ist ausgesprochen integrativ. Niemand soll ausgeschlossen werden: weder Ausländer, Behinderte, noch nonduale Geschlechter. Ein blinder Fleck des grünen Memes liegt in der fehlenden Unterscheidungskraft zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft. Man will nicht wahrhaben, dass Gemeinschaften durch die konsequente Integrativität tendenziell der Überforderung preisgegeben werden. Aus Sicht des grünen Memes wird die Gemeinschaftlichkeit des purpurnen Memes gerne idealisiert und als harmonischer Urzustand vor der Traumatisierung durch Territorialkriege, Sklaverei sowie Ausbeutung von Menschen, Tieren und unserer Natur verklärt. Unpräzise spricht man von Stammensgesellschaften, obwohl sie eigentlich Gemeinschaften sind. Mit der Sesshaftwerdung und Umzäunung wurden Grenzen nun nicht mehr nur spirituell (gute Geister / böse Geister), sondern auch materiell und nominell gezogen: wir / die; unser Reich / die Barbaren (= potenzielle Sklaven). Die Unterscheidung zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft blieb mit der zunehmenden Dominanz des roten Memes indifferent und sorgte für einen permanenten Kriegszustand. Erst mit Dominanz des blauen Memes wurde der Unterschied zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft – so wie ihn Tönnies beschreibt – augenfällig und für die Gegenwart evident: Querdenker, spirituelle und ökologische Experimentier-Kommunen wie etwa Tamera in Portugal, konzentrieren sich auf das körperlich-geistige Praktizieren von Gemeinschaft, fördern jedoch auch eine Abgrenzung zur Gesellschaft – oft unbeabsichtigt, sonst wären sie Sekten. Solange die beteiligten Akteure noch nicht über ein wirklich holistisches spirituelles Bewusstsein verfügen, wächst sich eine Art Kleine-Welt-Syndrom aus: „Unsere Gemeinschaft ist gesund, hier ist alles klar und friedlich. Alles böse, unklare, ungesunde, verwirrende und falsche kommt von der großen Welt da draußen.“ Dann werden Feindbilder kultiviert: Bill Gates, Klaus Schwab, George Soros, Rothschilds und Juden sowieso.

Gemeinschaften können sich auch in sozialen Netzen wie Telegram-Gruppen, auf Imageboards wie 4chan und 8kun bilden und sie tun dies vermehrt. Ich sehe dabei eine blockierte Weiterentwicklung vom grünen zum gelben Meme, die statt dessen ältere Memes aktiviert: insbesondere Purpur und Rot. Die für den Fortbestand unserer Zivilisation erforderliche Weiterentwicklung zum gelben Meme setzt die Annahme der Tatsache voraus, dass wir die für uns unverständliche und unangenehme Phänomene in der „großen Welt“ selbst mitverursacht haben, wenngleich wir sie aus Gemeinschaften erfolgreich ausblenden und auf „etwas da draußen“ projizieren. Die Verleugnung der Mitverantwortung für Globalisierung, Digitalisierung und Komplexität blockiert auch die spirituelle Entwicklung und so greifen die Menschen auf mythische Konzepte zurück, die ihnen zu erklären versprechen, wo die Ursache für die eigene Verwirrung zu suchen ist: natürlich immer „da draußen“ in der „gemeinen großen Welt“. Aktuell führt das zur Ausbreitung von Verschwörungsmythen, QAnon-Glauben und Querdenkerwesen.

 

Politische Akteure, die die globalen Herausforderungen wie Digitalisierung, Chancengerechtigkeit, Klimaziele, Migration, Abwendung von Konflikten um Rohstoffe und Trinkwasser sowie nicht zuletzt die Pandemie-Bewältigung ernst nehmen, tun gut daran, gemeinschaftliche Bedürfnisse ebenso wie das Management von Gesellschaft nicht aus dem Blick zu verlieren. Dabei gilt es, für beide Konstrukte – Gemeinschaft und Gesellschaft – eine anschlussfähige konfliktbesänftigende Sprache zu wählen, insbesondere im Wahlkampf.

Wo Parteien auf der Spirale verortet sind.

 

Im aktuellen Buch des Autors wird das Kleine-Welt-Syndrom in einem Kapitel ausführlich behandelt.

Außerdem geht es um Politik und Spiritualität, das Verhältnis von beidem zueinander und was es mit der VUCA-Welt auf sich hat.

 

 

 

 

 

 

 

Neuerscheinung
E-Book 9,90 €
Taschenbuch 14,95 €

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