Wenn Heimat zum Politikum wird

„Heimat ist dort, wo es nicht egal ist, ob es mich gibt.“ (Harald Welzer)

 

Es wurde bereits genug geschrieben über das Musikprojekt Die Konferenz um Xavier Naidoo, wie er sich mit als rechtsextrem geltenden Rappern sowie Männern wie Oliver Janich und Jo Conrad zusammentut. Mich irritiert das nicht mehr. Überrascht hat mich lediglich, dass auch die zu DDR-Zeiten renommierte Jazz- und Soulsängerin Angelika Weiz dabei ist.

 

Weiz hatte 1989 eine eigenwillige und wohl auch Mainstream-kritisch gemeinte Version des Kinderliedes „Unsere Heimat“ veröffentlicht. Bei dem Begriff Heimat möchte ich auch bleiben, denn so heißt einer der beiden veröffentlichten Titel um Naidoo, in dem einmal mehr sein scheinbar unvermeidlicher Zeigefinger andeutet, dass da wohl welche sind, denen unsere Heimat nicht so viel Wert sei, dass uns da wer (System-Politiker? Globalisten? Juden? Moslems? Schulmediziner mit Impfspritze?) unsere Heimat wegzunehmen beabsichtigt. Was beklagen die beteiligten Musiker und wen klagen sie an? Die Antwort ist zu allem Verdruss noch nicht einmal überraschend. Es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen, ob ein Verlustempfinden bezüglich Heimatgefühl berechtigt ist oder nicht. Gefühle sind wie sie sind – weder richtig noch falsch.

 

Meine Heimat: die Metaebene

 

Der britische Journalist David Goodhart bringt eine Typologie ins Spiel: Da gibt es eben die Somewheres: Menschen, die sich fest mit dem Ort, der Region, der Nation in der sie leben identifizieren. Auf der anderen Seite gibt es die Anywheres, die sich überall auf der Welt verwirklichen können, angeblich überall und nirgendwo zu Hause sind – Höre ich da gerade einen deutschen Kanzler mit kleinem Oberlippenbärtchen in den Schuckertwerken in sein Kohlemikrofon von einem bestimmten Volk fabulieren? Lassen wir das. Treffender finde die Beschreibung des Soziologen Andreas Reckwitz. Er skizziert zweierlei Möglichkeiten, seine Identität und Heimat kulturell zu definieren: Erstens in einer Hyperkultur der individuellen Selbstentfaltung ohne Innen-Außen-Dualismus und zweitens in einem Kulturessenzialismus zur Schaffung kollektiver Identität. Kulturessenzialisten definieren sich über Stammes- oder Volkszugehörigkeiten, manchmal auch religiös oder über ihre Ideologie. Dann kann es schon passieren, dass sie sich in ihrer Identität bedroht fühlen durch aus ihrer Sicht kulturfremde Zuwanderung, aber auch generell allem, was sie gerne aus ihrer Definition von Gruppenidentität und Heimat ausgeschlossen wissen wollen: Schwule, Transgender, Behinderte und all jene, die sich nicht im gleichen Maße wie sie selbst über eben jenen Heimatbegriff definieren. Von der anderen Seite aus betrachtet, ist das eine ziemlich fette Nummer: Möglicherweise bleibt einem LGBT-Menschen, Behinderten oder einem einfach etwas weniger Angepassten, wenn ihm Peer-Group, Dorfgemeinschaft oder gar die eigene Familie die Heimat verwehren, nichts anderes übrig, als sich eine andere, vielleicht weniger ortsgebundene Heimat zu suchen. Vielleicht ist es mehr als nur ein historisches Stoffwechselendprodukt gefiederter Tiere, wenn Unsere Heimat derart exklusiv praktiziert wird, unpässliches ausschließt, Menschen als „Volksfeinde“ markiert.

 

Die Larve ist schon lange geschlüpft

 

Ich halte nichts davon, bei jenem Verdacht das Etikett „rechtsextrem“ zu verteilen. Man tut sich keinen Gefallen damit und stärkt nur erneut die Binnenidentifikation innerhalb eines ansonsten heterogenen Flickenteppichs von Gesinnungen. Nichtsdestotrotz empfinde ich Janich und Conrad als krude Schwurbler, die Botschaften verbreiten, welche zu Feindseligkeit bis hin zu Vernichtungsphantasien gegenüber Juden, gewählten Politikern und Menschenrechtsaktivisten anstacheln können. Dasselbe tut auch ein Xavier Naidoo. Und es macht mich zuweilen fassungslos, wie viele Menschen von dessen Soulgesang verblendet seine vertonte Feindesliste nicht heraushören können oder wollen.

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Kommentare: 1
  • #1

    Ehemaliger Kollege von AW (Montag, 14 Juni 2021 21:03)

    Nö.
    Wer sie ein bisschen kannte, wusste das schon lange.
    Das fing mit Amalgam vor 25 Jahren an und endete, nun ja, bei naidoo.