Skepsis. Von der konstruktiven Erkenntnismethode zum egozentrischen Volkssport

Corona ist doch gar keine Viren-Pandemie, sondern ein Ablenkungsmanöver finsterer Mächte – genau wie der Klimawandel eine perfide Lüge und die Aufnahme von Flüchtlingen in Wirklichkeit ein Programm zur Vernichtung der weißen Rasse.

 

Wer behauptet das? 

Wahrheitsverkünder und deren Jünger, in ihrer Selbstwahrnehmung wache Skeptiker, kritische Denker, bewusstere Menschen, die mehr zu sehen und verstanden zu haben glauben, als der Rest der Welt: bestehend aus Mainstream-Gläubigen und Schlafschafen

 

 

Kritik der reinen Vernunft

 

Ich begrüße es sehr, wenn Menschen nicht mehr unhinterfragt alles schlucken, was Autoritäten wie Eltern, Lehrer, Kirchenvertreter und Wissenschaftler behaupten. Kritisches Denken ist ein gesellschaftlicher Fortschritt gegenüber blindem Glauben. Kritisches Denken eckt natürlich immer an, weil es stört und irritiert, weil es Komplexität erhöht. Hilfreich ist es immer dann, wenn Kritik nicht um seiner selbst willen oder gar zur Statusmarkierung missbraucht, sondern verantwortungsvoll gebraucht wird, mit dem Ziel zu einer für alle Beteiligten guten Lösung zu kommen.

 

Als Kritik der reinen Vernunft verstand Immanuel Kant, sich seines eigenen Urteilens bewusst zu sein und sich selbst als erkennendes Subjekt zu begreifen. Den Mut haben, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, verstehen heute einige jedoch als Fingerzeig der Schuldzuweisung in Richtung Regierung und anderer Eliten. Es braucht dazu wenig Mut, denn das Schlimmste was anschließend passieren kann ist, dass ich Widerrede ernte, Facebook-Freunde verliere, nur in Ausnahmefällen meinen Job, sollte ich eine kritische Meinung mit Beleidigungen, Diskriminierungen oder verbalen Rufmord verwechseln.

 

Ein bekannter deutscher Sänger gerät immer wieder in die Kritik, weil er in seinen Texten Andeutungen macht, die nicht wenige als Unterstellung von Böswilligkeit bestimmter Menschen und Gruppen verstehen. Manch einer hört sogar eine Art moderne heilige Inquisition heraus.

 

Kritisches Denken im Sinne Kants und kritischer Rationalismus im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess (Karl R. Popper) bedeuten weniger, andere zu kritisieren, nur weil man es außerhalb totalitärer Diktaturen ganz einfach kann, sondern seinem eigenen Urteil zu misstrauen, nach Gegenbeweisen zu den eigenen Hypothesen zu suchen, um sich von Erkenntnis zu Erkenntnis empor zu irren. 

 

Wenn Kritik zum Selbstzweck verkommt 

 

Was selbst ernannte Wahrheitsverkünder tun, ist das ganze Gegenteil: Sie misstrauen allem, was sie als „Mainstream“ deklarieren, nur einem nicht: ihrem eigenen meist sehr simpel gestricktem Weltbild mit übersichtlichem Freund-Feind-Schema.

 

Denken ist dann kritisch im besten Sinne, wenn es einen Rahmen sprengt und nicht mehr linearen Ableitungen verhaftet bleibt. Pauschale Elitenschelte und Verschwörungsunterstellungen sind aber genau das: lineare Ableitungen. Nur durch eigene Untersuchung, Prüfung und Überzeugung kann die eigene Wahrheit gefunden werden. Ein kritisches Denken, das lediglich beabsichtigt, eine singuläre Ursache für eine komplexe unübersichtliche Gemengelage zu identifizieren, ist gefährlich, weil sie durch Vorverurteilung Hass schürt und Gewaltakte provozieren kann.

 

„Akzeptieren Sie, dass schlimme Dinge passieren können, ohne dass dies jemand beabsichtigt hätte. Verwenden Sie stattdessen Ihre Energie darauf, das System, also die miteinander in Wechselwirkung stehenden Ursachen, zu verstehen, die zu der Situation geführt haben.“

Hans Rosling

 

Offene Kritik an politischen oder wirtschaftlichen Führungskräften ist ein Merkmal demokratischer Kultur. Aber Verantwortungsträger pauschal zu diskreditieren, ist nicht einfach nur dumm, sondern kann zu Vorverurteilungen, Rufschädigung bis hin zu Mord führen. Nun sollte seriöserweise nicht schon jener als Verschwörungstheoretiker bezeichnet werden, der Vermutungen oder alternative Erklärungen für einen Vorgang oder Zusammenhang liefert, sondern erst dann, wenn mehr oder weniger explizit eine Gruppe von Menschen einer bösartigen Verschwörung bezichtigt wird. Wenn aus der Kritik an der Sache eine Schuldzuweisung auf Personen oder Personengruppen wird, dann ist das nicht nur irrational, sondern wird zum Wegbereiter für Gewalttaten.

 

Eliten bilden freilich eine hervorragende Projektionsfläche für hausgemachte Machtlosigkeit. Machtvakua werden nun einmal von aktiven und unternehmerisch handelnden Menschen gefüllt. Das entspringt ihrem natürlichen Gestaltungswillen und ist in der Regel getrieben von mitmenschlicher Verantwortlichkeit. Nur in Ausnahmefällen mischt sich dies mit egoistischem Dominierungswahn. 

 

„Immer ist der Fehler beim Stärkeren. Uns fehlt die Geduld des Lebens. Wir versuchen unwillkürlich, einen Menschen aus dem Wirkungskreis unserer Verantwortung auszuschalten, sobald der Ausgang des Lebensexperiments in unseren Augen missglückt erscheint. Aber das Leben vollzieht seine Versuche jenseits der Grenzen unserer Bewertung.“

Dag Hammarskjöld

 

Eine kritische Haltung gegenüber den eigenen Annahmen und (Vor)-Urteilen kann ich bei den selbst ernannten Wahrheitsverkündern nicht erkennen. Im Gegenteil: Ihre Kritik richtet sich ausschließlich auf alles, das nicht zum eigenen Weltbild passt. Und das Weltbild hat vor allem eine Kostante: Die Feinde sind die Regierung Merkel, die Europäische Union und globale Eliten. Signifikant dabei ist, dass z.B. an George Soros seltener dessen zweifellos kritikwürdigen Methoden zur Kapitalvermehrung, sondern viel eher dessen Einflussnahme über Stiftungen zur Förderung offener Gesellschaften verachtet werden – entlarvend, was die Motive der Kritik betrifft. Es muss nicht immer gleich antisemitisch werden, um eklig zu sein.

 

Hinter jeder Meinung steht ein Motiv

 

Zum kritischen Denken gehört auch, zu ergründen, warum man zu einer Sichtweise mehr tendiert als zur anderen. Ausschlaggebend sind die eigenen Werte: Was ist mir wirklich wichtig?

  

Wer 2015 partout nicht verstehen wollte, weshalb Deutschland Flüchtlinge aufnimmt, fragte nicht mehr nach Gründen, warum das andere unterstützen, sondern nahm einfach an: Es muss einen Umvolkungsplan geben. Weil man das Motiv der Mitmenschlichkeit bei sich selbst unterdrückt, müsse demnach jeder der es hat, entweder naiv oder ein Heuchler sein. Dieses Phänomen ist als kognitive Dissonanz bestens erforscht. Nur die wenigsten sind in ihrer Selbstbezeichnung Nationalisten, Reichsbürger oder Rassisten. Selbst SPD-Mitglieder und ehemalige Bürgerrechtlerinnen sind  dagegen nicht gefeit. 

 

Wem die NATO-Mitgliedschaft Deutschlands schon länger gegen den Strich ging, der konnte sich im Ukraine-Russland-Konflikt parteiisch auf die Seite Wladimir Putins schlagen und sich bis heute auch noch als Friedensbewegter auf der guten Seite wähnen.

 

Wer keinen Zusammenhang zwischen seinem Lebensstil und den Zustand unseres Planeten herstellen mag, der glaubt eben den Klimalwandel-Leugnern seltsamer Pseudo-Institute.

 

Wer mit der gegenwärtigen Ausgangsbeschränkung nicht klar kommt, stellt deren Sinnhaftigkeit grundsätzlich in Frage. Zur vermeintlich rationalen Untermauerung gibt es ausreichend Stoff. 

Entlarvend auch hier, dass sich die Skeptiker ihrer Sache sehr sicher sind, während seriöse Wissenschaftler und Virologen professionalisierten Zweifel und Erkenntnisprozesse transparent machen. Man mag sich fragen, ob das treibende Motiv dahinter die Angst vor den wirtschaftlichen Folgen, vor nachhaltigen Einschränkungen der Bürgerrechte, persönliche Profilierung, alte Rechnungen gegenüber Konkurrenten oder etwas völlig anderes ist. Diese Frage muss an dieser Stelle unbeantwortet bleiben.

 

 

 

 

 

 

 

 

Einige Passagen dieses Artikels sind aus dem 2019 erschienenen Buch des Autors entnommen.

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Kommentare: 2
  • #1

    Sinking.smith@gmx.de (Dienstag, 07 April 2020 21:03)

    Bullshit

  • #2

    Klaas Kramer (Dienstag, 07 April 2020 21:05)

    Interessante Stellungnahme.
    Wenn ich die ernst nehmen soll, bitte ich um nähere Erläuterung.
    Vielen Dank im voraus.