Corona-Leak – Symptom überholten Denkens. Auch du stehst an der Weggabelung.

Der Oberregierungsrat im Bundesinnenministerium Stephan Kohn veröffentlichte seine Analyse, in der er das Krisenmanagement in Deutschland scharf kritisiert. Was es damit genau auf sich hat, kann hier nachgelesen werden. Perspektive und Motivation diese Berichtes sowie die fruchtbare Resonanz bei allen, die „sowieso schon lange wussten, was falsch läuft“ verweisen auf ein Mindset, das für den Umgang mit Krisen fatal ist: ein mechanistisches Weltbild, das von der Illusion statischer äußerer Sicherheit geprägt ist. Und diese Sache betrifft uns alle: Krankenpfleger, Feuerwehrmann, Managerin, Kita-Erzieherin, Politiker, jeden!

 

Alle die aufgrund des Lockdown nervös geworden sind und ihre persönliche Freiheit in Gefahr sehen, sind gerade gar nicht so souverän, autark und selbstbewusst wie sie sich ansonsten gerne geben. Wer wirklich souverän, autark und selbstbewusst ist, macht sein Wohlbefinden nicht von Äußerlichkeiten wie der materielle Situation, dem Job, dem Angebot an Kinderbetreuung oder Erwartungserwartungen an Politiker abhängig.

 

 

Ungewissheit ist Normalfall 

 

Das Wort Krise suggeriert, dass wir es mit einem vorübergehendem Phänomen zu tun haben. Ein Irrtum. Finanzkrise, Flüchtlinge, Streit um die Bedeutung einer drohenden Klimakrise und nun Corona – macht euch keine Hoffnung, dass es dann wieder ruhiger wird. Wir Menschen in den Wohlstandsnationen hatten uns unsere Welt komfortabel eingerichtet. Wir hatten uns in den letzten Jahrzehnten eine trügerische Welt der Sicherheit, der Planbarkeit, der Instant-Impulsbefriedigung geschaffen, deren Preis eine Komplexität ist, die wir bisher weitgehend aussperren konnten: Fremdes Leid und Kriege, Flüchtlinge, Klimakatastrophen, Seuchen. Das Aussperren gelingt uns zunehmend weniger und wir brauchen auch nicht länger krampfhaft daran festzuhalten. Gewöhnt euch besser daran. Ungewissheit ist schon immer der Normalfall im Leben gewesen. In politischer oder unternehmerischer Führungsfunktion ist man schon länger damit konfrontiert. Die Arbeit am Gartenzaun zwischen eingehegter Komfortzone und wilder unübersichtlicher Außenwelt war schon immer der Job der aktiv gestaltenden Elite. Jeder tut nun gut daran, diesen Job nicht mehr an „Dieter Oben“ oder „Dieter Draußen“ zu delegieren. Corona zeigt uns, dass das nicht mehr funktioniert: Einkommensausfall, Jobunsicherheit, widersprüchliches Datenmaterial, unzureichende Information darüber, wann die Kita wieder zum „Normalbetrieb“ übergeht und vieles mehr. Es gibt niemanden, der dir Sicherheit vermitteln wird: nicht Angela Merkel, nicht das Robert Koch Institut, nicht die Schulbehörde, selbst nicht einmal Ken Jebsen. 

 

The Survival of the Fittest – der Anpassungsfähigsten

 

Wir Menschen haben jetzt die Chance zu lernen, mit Ungewissheit und mit permanent auftretenden Krisen umzugehen, ohne jemanden anderen die Schuld dafür zu geben (Bill Gates, Angela Merkel, Freimaurer). Wer die Chance nicht wahrnimmt, taumelt immer weiter in sein Kinder-Ich auf der Suche nach der Ersatz-Mama einschließlich der Dauer-Enttäuschung, dass niemand die Rolle der Ersatz-Mama übernehmen wird: weder Christian Drosten noch Christian Lindner und auch kein vermeintlicher Wahrheitsverkünder auf seinem YouTube-Kanal.

 

Verantwortungsbewusste Menschen grenzen sich dieser Tage immer deutlicher von jenen ab, die in die Rolle verletzter Kleinkinder zurückfallen und auf so genannten Hygienedemos und in den sozialen Netzwerken ihre tiefe Enttäuschung darüber, dass selbstbestimmtes Leben eben nicht gleichbedeutend ist mit egozentrischer Impulsbefriedigung, an vorgekauten Feindbildern abreagieren. 

 

Verantwortungsbewusste Menschen verurteilen niemanden für nachvollziehbare menschliche Bedürfnisse. Daraus lässt sich lernen, dass gesellschaftliches Krisenmanagement sich künftig mehr denn je zusätzlich zum agilen Umgang mit sich ständig verändernden Rahmenbedingungen auf der „Sachebene“ (z.B. Monitoring und Prognose von Neuinfektionen, Verhältnismäßigkeit von Schutzmaßnahmen) mit in Panik geratene Mitbürger zu befassen haben, deren Zorn sich auf die Krisenmanager, Polizisten oder Ärzte richtet.

 

Wie schon oft in Deutschland: Lernen auf die harte Tour.

 

Dabei wird Deutschland im besonderen Maße von diesem Paradigmenwechsel betroffen sein. Das hat mit zwei Dingen zu tun, die sich historisch in Co-Evolution entwickelt haben: Erstens ist in der Bevölkerung noch immer ein tief verwurzeltes Obrigkeitsdenken verbreitet. Die Regierung wird nicht etwa wie in anderen westlichen Ländern primär als Dienstleister für die Bürger wahrgenommen, sondern als Spitze einer Pyramide. Auch wenn sich heute Bundeskanzlerin, Regierung und Beamte so wenig autoritär verhalten wie nie zuvor in der deutschen Geschichte, erfolgt paradoxerweise mehr denn je ein Projizieren eines „Oben-Unten“, das außerhalb formaler Organisationen überhaupt nicht existiert. Das Zweite ist die daraus resultierende Erwartungshaltung, der Staat hätte sich um uns zu kümmern wie Eltern sich um ihr minderjähriges Kind. Selbst neoliberale Freiheitskämpfer verhalten sich in Deutschland wie Jugendliche, die mitten in der Pubertät gegen „die blöden Regeln von Elternhaus und Schule“ rebellieren.

 

Mit diesem Mindset ist in einer hochkomplexen volatilen Welt kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Aber es wäre harmlos, wenn es dabei nur um Blumen ginge. Dieses überholte Mindset verschärft jede Krise und würde, wenn das Gros der Führungskräfte nicht am laufenden Motor lernt, das Ende der Menschheit bedeuten.

 

Nicht dass ich der Überzeugung wäre, wir hätten in Deutschland bereits das bestmögliche Krisenmanagement. Ich pfeife auf Lobreden aus dem Ausland – ob von Barack Obama oder aus dem Munde angesehener schwedischer Virologen. In Neuseeland, Island, Finnland machen es jung und weiblich geprägte Regierungen offensichtlich auch nicht schlecht. 

 

Die Welt ist kein Uhrwerk

 

Merkwürdigerweise wird medial auffällige Kritik noch immer mit der überholten Leitunterscheidung eines statischen Richtig/Falsch aufgefahren: der Vergleich mit der Grippewelle 2017/8, die Auswahl der Berater, die Datenbasis, das Agile an sich. Aber ein Richtig/Falsch gibt es nur für den Moment, es ist flüchtig. 

 

Politiker und Fachberater lernen am laufenden Motor. Perfektion ist unmöglich. Im Gegensatz zu Bolsonaro beherrschen Trump und Johnson immerhin Agilität. Ihr Narzissmus jedoch steht allem im Weg, was für eine Führung in postheroischen Zeiten nötig ist. In Deutschland sehe ich bei allem was es noch zu lernen gäbe nicht, dass in einer AfD oder in der neuen Partei Widerstand2020 ein Welt- und Menschenbild die Oberhand hätte, Krisen und Herausforderungen dieser und künftiger Tage angemessen zu bearbeiten. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es gegenwärtig besser wäre, wenn Alternativheiler wie Rüdiger Dahlke oder Andreas Krüger die Bundesregierung beraten würden. 

 

Man könnte mir vorwerfen, ich simplifiziere. Der Unterschied ist der, dass ich Menschen nicht statisch unterteile in Gut und Böse, Arm und Reich, Oben und Unten, Drinnen und Draußen, Erwachte und Schlafschafe. Jeder Mensch steht an einer Weggabelung vor der Entscheidung, die Komplexität der Welt anzunehmen oder sich ihrer zu verweigern und mit dem Dauerfrust leben zu müssen, dass die Erwartung einfacher Schwarz-Weiß-Bilder und Freund-Feind-Schemata immer wieder auf’s Neue enttäuscht werden.

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